Wie alles begann

Aus meinem Leben mit MS 001_Wie alles begann

Ich habe gerade meinen 40. Geburtstag gefeiert. Da bekam ich mal wieder Kribbeln und Taubheitsgefühle im linken Bein und zusätzlich noch in der rechten Wange. Das ist ja eigentlich nichts Neues für mich.

Als Bergmann ist man gewohnt körperlich hart zu arbeiten. Daraus resultierten auch schon zwei Bandscheibenvorfälle im Lendenwirbelbereich.

Das Kribbeln und das Taubheitsgefühl in den Beinen kam immer mal wieder und gingen auch wieder selbstständig. Also den Rücken ein wenig schonen und gut ist. So hat es immer geklappt.

Jetzt arbeite ich nicht mehr im Bergbau und nicht mehr so körperintensiv. Aber die Schmerzen und die Taubheit blieben schon fünf Wochen bestehen. Jetzt muss ich wohl wirklich mal wieder zum Orthopäden. Spritze oder Tabletten. Egal, Hauptsache die Schmerzen sind bald weg und ich kann mich wieder bewegen und Sport treiben. Für mein größtes Hobby, die Freiwillige Feuerwehr, ist es auch unerlässlich einen fitten Körper zu haben.

Also bin ich hin zum Orthopäden. Er hörte sich meine Beschwerden an und untersuchte mich kurz. Jetzt kam was, womit ich nicht gerechnet habe. Der Doc fragte mich nur: „Warum soll die Wange taub werden, wenn ich Probleme mit den Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule habe?“ Da war erstmal Ruhe im Behandlungszimmer. Hab wohl ein dummes Gesicht gemacht. Dachte kurz nach. Aber irgendwie hatte er ja Recht.

Er durchbrach die Ruhe mit dem Rat: „Gehen sie bitte zu einem Neurologen“. Mein Problem wäre kein orthopädisches, sondern mit Sicherheit ein Neurologisches.

Da fragte ich ihn nur, ob er mir einen guten Neurologen empfehlen kann. Ich war ja noch nie bei einem. Hmm, „Ich darf das nicht“ sagte er mir und gab mir eine Liste mit Neurologen aus meinem Kreisgebiet.

Jetzt bin ich mit dieser Liste nach Hause, hab sie auf dem Tisch ausgebreitet. Habe meine Augen geschlossen und mit meinem rechten Zeigefinger zugestossen. Zack, da hatte ich einen Neurologen meiner Wahl. War zwar ein Blindflug, aber ich hatte einen Namen.

Habe direkt telefonisch einen Termin ausgemacht. Es dauerte jetzt natürlich was, aber ich bekam einen. Und dann begann das Trauerspiel.

Als er anfing mich zu untersuchen hatte er schon irgendwie schlechte Laune. So deutete ich sein Gesichtsausdruck. Er sprach drei Minuten mit mir und anschließend machte eine Sprechstundenhilfe weiter. Sie hat mir mal kurz meine Nerven in den Beinen durchgemessen. Bin dann wieder zum Doc rein. Er sagte mir ganz klar, dass er nichts festgestellt hat. Ich habe nichts neurologisches.

Das war jetzt eine tolle Aktion von diesem Doc. „Guten Tag, bla bla, Auf Wiedersehen“.

Bin dann mit absoluter Ungewissheit nach Hause und meine Beschwerden sind immer noch da. Ich liebe ja solche Ärzte.

Als nach zwei weiteren Wochen immer noch alles taub war und kribbelte bin ich wieder zu meinem Orthopäden.

Er sah sich kurz meine Papiere an, nahm einen Bericht, hielt ihn in meine Richtung und sagte: “Hier steht es schwarz auf weiß >neurologisch kerngesund<“ . Laut dem Bericht den er ja vom Neurologen erhalten hat, da er mich überwiesen hatte, bin ich kerngesund.

„Aber das glaube ich nicht“ sagte er. Jetzt machte er was er eigentlich garnicht darf. Er gab mir eine Adresse von einem ihm bekannten Neurologen. Ich sollte doch dort mal vorstellig werden. Was ich auch dankend annahm.

Jetzt auf zu meinem zweiten Versuch eine Lösung für mein anscheinend neurologisches Problem zu erhalten.

Einen Temin habe ich recht schnell bekommen. Es ist dorthin etwas weiter. Das sind ein Paar Kilometer zu fahren, aber wenn er nun was findet, lohnt es sich ja.

In großer Erwartung bin ich in die Praxis und habe mich bei dem sehr freundlichen und netten Personal angemeldet. Nach kurzer Aufnahme meiner Daten sollte ich ins Wartezimmer und dort Platz nehmen. Uih, das war richtig voll. Zum bersten voll.
Nach schlappen dreißig Minuten war ich dran. Bin mit meiner Frau zusammen ins Behandlungszimmer zum Arzt gegangen. Ich dachte mir nur, >das geht bestimmt schnell<, weil das Wartezimmer ja soo voll ist.

Mich erwartete ein sehr netter und nicht schlecht gelaunter Arzt. Ich sollte ihm jetzt alles erzählen. Alles was mir so Probleme macht. Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schwindel, Unwohl sein usw.

Wir haben uns mindestens 20 Minuten nur unterhalten. Ihm war es total egal wie voll das Wartezimmer ist. Er hat sich alles genau angehört und sich seine Gedanken gemacht. Anschließend sagte er mir: >Sie haben Multiple Sklerose<. Er hat noch ein paar Untersuchungen gemacht. Jetzt testete er die Sensibilität der Haut mit einem Wattestäbchen und auch die Reaktion auf unterschiedliche Temperaturen sowie auf Vibration mit einer Stimmgabel. Außerdem die Reflexe und die Beweglichkeit verschiedener Muskeln, z. B. an Armen, Beinen und am Gesicht, sowie den Gleichgewichtssinn und die Koordination.

Und dann war es für ihn amtlich. Multiple Sklerose

 

– Thomas –

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