„Ich wollte nicht ‚die Kranke‘ sein“

Das ist ein sehr interessantes Interview

„Ich wollte nicht ‚die Kranke‘ sein“ Malu Dreyer

Elf Jahre brauchte die SPD-Politikerin Malu Dreyer für den Entschluss, ihre Multiple Sklerose öffentlich zu machen. Ein Gespräch über das Coming-out, den politischen Dauerwettbewerb und die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung in Deutschland
Malu Dreyer hat kein Problem mehr damit, als Frau mit Behinderung politische Verantwortung zu übernehmen.
Malu Dreyer hat kein Problem mehr damit, als Frau mit Behinderung politische Verantwortung zu übernehmen. © Thomas Pirot für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Frau Dreyer, 1995 erhielten Sie die Diagnose Multiple Sklerose, Sie waren damals Bürgermeisterin der Stadt Bad Kreuznach. Elf Jahre später haben Sie die Erkrankung öffentlich gemacht, Sie waren zu diesem Zeitpunkt Ministerin in Rheinland-Pfalz. Würden Sie das heute wieder so handhaben?

Malu Dreyer: Das war damals der Rat meines Arztes. Er sagte: Behalt das erst mal im ganz engen Kreis. Irgendwann kommt der Tag, an dem du das Gefühl hast, die innere Stärke zu besitzen, das auch überzeugend nach außen tragen zu können. Das ist dann der richtige Tag. Für den Rat bin ich ihm heute noch dankbar.

ZEIT: Warum?

Dreyer: Eine Krankheit ist etwas zutiefst Privates, auch bei Politikern. Nach der Diagnose war ich innerlich erschüttert, ich musste mein Leben ganz neu sortieren. Ich musste herausfinden, wer ich mit der Erkrankung bin und wie ich mit ihr leben kann. Ich hätte die Fragen, die die Öffentlichkeit an mich gehabt hätte, zu dem Zeitpunkt gar nicht beantworten können.

ZEIT: Welche Fragen waren das?

Dreyer: Wie geht es weiter? Können Sie das mit Ihrem Amt vereinbaren? Müssen Sie aufhören? Das wusste ich nicht. Ich wusste gar nichts. Man nennt Multiple Sklerose auch die Krankheit der tausend Gesichter. Ich brauchte Monate, bis ich mir klar darüber wurde, was auf mich zukommen kann. Wirklich schlimm war übrigens: Überall hieß es nur, alles wird immer schwieriger, es werde einem schleichend immer schlechter gehen und niemals wieder besser. Mir geht es heute aber besser als vor zehn Jahren. Ich kann mich selbstständiger bewegen, brauche den Rollstuhl weniger. Und ich hoffe, dass mein Beispiel anderen Mut macht. Deshalb gebe ich auch dieses Interview.

ZEIT: Sie haben mal geschildert, dass Sie ganz allein waren, als Sie die Diagnose Multiple Sklerose bekamen.

Dreyer: Ich hatte spätabends einen MRT-Termin, weil ich Rückenbeschwerden hatte, die ins rechte Bein zogen. Der Arzt saß mir nach dem Scan gegenüber und sagte ziemlich eiskalt: „Vom Rücken stammen die Beschwerden nicht. Wahrscheinlich Multiple Sklerose. Muss ich mir noch mal in Ruhe anschauen. Schönen Abend noch.“

ZEIT: Und dann?

Dreyer: Schickte er mich raus, und ich stand allein auf der Straße, um 22 Uhr. Das war ein bisschen wie ein Weltuntergang. Ich hab mich hingesetzt und erst mal geheult.

ZEIT: Wie lange hat es gedauert, bis Sie kapiert haben: „Das bin tatsächlich ich. Ich bin die Kranke, das ist keine Verwechslung“?

Dreyer: So was dauert. Da war eine innerliche Erschütterung, die erst mal anhielt. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht, ich sei „Malu unkaputtbar“. Ich war sportlich, bin geklettert, gewandert, gejoggt, Rad gefahren. Es schien alles möglich für mich. Mit der Diagnose war es mit unkaputtbar erst mal vorbei. Es gab damals eine Zeit, da habe ich mich im Traum oft im Rollstuhl gesehen.

ZEIT: Nach elf Jahren war der Tag dann da, es öffentlich zu machen. Woher wussten Sie, dass es so weit ist?

Dreyer: Ich fühlte mich einerseits innerlich gefestigt, und gleichzeitig wurde meine Beeinträchtigung langsam offensichtlich: Man sah, dass ich Probleme beim Gehen hatte. Ich dachte, bevor die Leute zu tuscheln anfangen, dass da etwas nicht stimmt, will ich jetzt offensiv sein. Ich wollte die Kontrolle darüber haben.

ZEIT: Wie haben Sie sich auf den Tag vorbereitet?

Dreyer: Ich habe nicht viel geschlafen in dieser Zeit. Mein Mann war mir ein wichtiger Ratgeber und eine große Stütze. Zusammen mit meiner Pressesprecherin haben wir dieses Pressegespräch akribisch vorbereitet. Wir haben nichts dem Zufall überlassen. Ich bin immer wieder im Kopf durchgegangen: Was sage ich, wie sage ich es? Ich hatte eine enge Freundin, die Jahre zuvor im Referendariat an Krebs gestorben war. Sie hat immer gesagt: Ich als diejenige, die krank ist, muss zusehen, dass ich den Menschen nicht zu viel zumute. Ich habe das am Anfang überhaupt nicht verstanden. Eigentlich habe ich es überhaupt erst verstanden, als ich selbst krank wurde. Die Menschen glauben, dich zu kennen. Dann hören sie, dass du chronisch krank bist. Das versetzt Menschen, die dich gut kennen, in einen Schock. Deshalb war es mir wichtig, die richtigen Worte zu finden und souverän zu sein.

ZEIT: Man muss also als Kranker Rücksicht auf die Gesunden nehmen?

Dreyer: Ja – das ist zumindest meine Einstellung dazu. Sie sind genauso unsicher wie man selbst. Sie wissen nicht, was sie sagen, wie sie sich verhalten sollen.

ZEIT: Was sagt man denn am besten?

Dreyer: Dass es einem leidtut. Und dann behandelt man den Kranken, wie man ihn behandelt hat, bevor man wusste, dass er krank ist.

ZEIT: Sie sagten damals in der Pressekonferenz: „Ich bin optimistisch für die Zukunft und werde wie bisher meine Arbeit machen.“ Hatten Sie die Angst, dass Sie danach als Politikerin anders wahrgenommen würden?

Dreyer: Natürlich. Es ist immer eine Befürchtung von Menschen, die eine chronische Erkrankung haben, dass man nur noch der oder die „Kranke“ ist. Ich hatte damals massenhaft Anfragen für Talkshows, die habe ich bewusst alle abgesagt. Ich war Ministerin, ich war fachlich gut, so wollte ich auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Ich wollte nicht „die Kranke“ sein.

ZEIT: Von der Liste möglicher Nachfolger für Kurt Beck als Ministerpräsident wurden Sie umgehend gestrichen. Es hieß immer: Eigentlich müsste es Malu Dreyer machen, aber das geht ja nicht, die ist krank. Hat Sie das wütend gemacht?

Dreyer: Natürlich dachten viele: Mehr wird aus der nicht mehr. Das habe ich gespürt. Es hat mich auch geärgert. Aber ich kann das niemandem vorwerfen. Wir sind in der Politik in einem ständigen Hochleistungsbetrieb. Viele Bürger können sich nicht vorstellen, wie unser Alltag aussieht. Der ist oft wirklich hart, bei aller Freude an der Sache. Dass sich Menschen, die den Politikbetrieb kennen, denken, dass man es erkrankt nicht schafft, kann ich nachvollziehen. Trotzdem ist es wirklichkeitsfremd. Wolfgang Schäuble hat der ganzen Welt gezeigt, welche Leistungen man als Politiker im Rollstuhl bringen kann. Und ich fühle mich auch mental und körperlich fit genug für mein Amt. Ich lasse mich von meiner Krankheit nicht behindern.

ZEIT: Es gibt legendäre Geschichten von Politikern darüber, dass sie ihre Krankheiten verheimlichen. Kohl saß bei einem Parteitag mit Katheter und unter großen Schmerzen stundenlang auf seinem Platz, weil er fürchtete, dass seine Gegner eine Abwesenheit zu ihren Gunsten nutzen könnten. Peter Struck hatte als Verteidigungsminister einen Schlaganfall – den er lange Zeit verheimlichte.

Dreyer: Wir Politiker stehen in einem Dauerwettbewerb. Und wenn man gerade eine Phase hat, in der man politisch geschwächt ist oder innerparteilich angefeindet wird, und dann sagt: „Ich bin krank“ – dann wird man den Kampf vielleicht verlieren. Körperliche Verletzlichkeit einzugestehen wird von vielen immer noch als Schwäche gesehen – und nicht als mentale Stärke. Deshalb ist dies eine schwere Entscheidung für jeden Politiker, immer noch.

ZEIT: In Amerika muss der Präsident ein ärztliches Attest vorlegen. All seine Krankheiten sind öffentlich.

Dreyer: Ich lehne das ab. Natürlich muss man sich in der Lage fühlen, ein Amt auszufüllen, aber das kann man selbst am besten beurteilen. Was sagt das eigentlich über einen Menschen aus, dass er MS hat? Oder Krebs oder Diabetes oder dass er adipös ist? Was sagt das über seine Leistungsfähigkeit aus? Gar nichts. Vielleicht ist dieser Mensch besonders empathisch, besonders lebensfroh. Ich bin ein sehr vitaler Mensch, auch wenn meine Beine das nicht sind. Ich habe ein Amt, in dem es nicht darauf ankommt, wie schnell ich rennen kann. Deshalb finde ich einen Rechenschaftsbericht darüber, wie es mir gesundheitlich geht, nicht angemessen.

ZEIT: Haben Sie mal erlebt, dass jemand sich Ihre Krankheit zunutze macht?

Dreyer: Ich erlebe, dass die Menschen in Rheinland-Pfalz mich so nehmen, wie ich bin. Ich glaube nicht, dass ein politischer Gegner mit so etwas punkten könnte. Im letzten Wahlkampf sagte ein CDU-Lokalpolitiker, ich solle „Erwerbsminderungsrente beantragen und abtreten“. Daraufhin habe ich viel Zuspruch im Netz erfahren und der CDU-Mann sehr viel Kritik. Aus rechten Kreisen bekomme ich allerdings regelmäßig Hassmails oder wirklich abscheuliche Postings. Dabei geht es nicht um meine Politik, sondern um meine Krankheit, das geht dann in die Richtung minderwertiges Lebewesen. Das sind Beschimpfungen, die kennen wir aus der dunklen Vergangenheit unserer Geschichte. Das haut mich allerdings wirklich aus den Schuhen.

ZEIT: Was steht da?

Dreyer: Ich zitiere: „Multiple Sklerose Krankheit plus zusätzlich gehirnamputiert“ oder „Malu, ich würde dich gerne im Rollstuhl sehen. Und zwar für immer!!“. Weitere Beispiele erspare ich uns.

ZEIT: Besorgt Sie das?

Dreyer: Natürlich. Ich befürchte, dass Menschen mit Behinderung, die nicht so geschützt leben wie ich als Ministerpräsidentin, im Alltag solche Dinge öfter erleben. Das bestürzt mich, und wir müssen unbedingt verhindern, dass sich der Ton gegenüber einzelnen Gruppen in unserer Gesellschaft verschärft.

ZEIT: Sie sagten vorhin, sie träumten früher von sich selbst im Rollstuhl. Heute nicht mehr?

Dreyer: Ich habe das zum Glück überwunden. Vor einigen Jahren, im Urlaub auf Lanzarote, konnte ich wirklich nicht mehr weit gehen. Irgendwann sagte mein Mann: Lass uns doch einfach einen Rollstuhl leihen. Ich hatte nie zuvor in einem gesessen und hatte große Angst davor. Ich dachte, ich setz mich da rein und komme nie wieder raus. Dann war es ganz anders: Ich spürte, dass der Rollstuhl mir wieder Freiheit schenkt. Ich konnte die Insel erkunden. Ich habe irgendwann aufgehört, gegen die Krankheit zu kämpfen, seither geht es mir psychisch besser.

ZEIT: Träumen Sie von sich wieder als Gesunde?

Dreyer: Ja. Das kommt wohl daher, dass ich heute wieder Dinge tun kann, die ich vor zehn Jahren nicht konnte, ich kann wieder ziemlich gut laufen.


ZEIT:
Sprechen Sie manchmal mit Ihrem Körper?

Dreyer: Ja, klar. In der Phase, als ich wieder besser laufen wollte, aber es noch nicht so gut konnte, habe ich ganz viel mit Gedankenbildern gearbeitet. Ich habe mir vorgestellt, ich laufe durch einen schönen Wald, und mir dazu immer wieder gesagt: Du schaffst das.

ZEIT: Was schaffen Sie nicht mehr?

Dreyer: Ach. Ich hab da so ein Weh, wenn es Winter wird. Das vermisse ich wirklich, die Luft in den Bergen, den Sport. Wenn ich daran denke, dass ich nie wieder Ski fahren kann, werde ich sentimental. Aber ich versuche auch da, mich nicht reinzusteigern. Es gibt für chronisch kranke Menschen im Verlauf ihrer Erkrankung immer wieder neue Hürden, die man sich zuvor nicht vorstellen kann. Als mir das Gehen wirklich schwerfiel, war es für mich zum Beispiel ein großer Schritt, einen Behindertenausweis zu beantragen. Man muss lernen, nicht zu hart zu sich selbst zu sein.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.